INSIGHTS UNSERER CHINA INNOVATIONSREISE 2026
(geschrieben von Sascha Kurfiss, Delegationsleiter)
Einwurf: Unser online China Update mit Sascha Kurfiss am 09.06.2026 um 17 Uhr. #Hier anmelden#
Eine Woche China.
Peking, Shenzhen, Guangzhou.
Mit einer Gruppe aus Unternehmern, Entscheidern und Innovationsinteressierten waren wir wieder unterwegs, um uns eine einfache Frage anzuschauen:
Wie innoviert China heute wirklich?
Nicht aus der Distanz.
Nicht aus LinkedIn-Diskussionen oder geopolitischen Schlagzeilen.
Sondern direkt vor Ort — in Unternehmen, Laboren, Robotik-Fabriken, Einkaufszentren, Startup-Hubs und bei Gesprächen mit chinesischen Unternehmern, Forschern und Institutionen.
Und wie immer nach China-Reisen bleibt vor allem ein Gefühl zurück: Europa unterschätzt massiv, wie schnell sich dort gerade ganze Industrien verändern.
Peking: Plattformen, KI und das digitale Ökosystem
Schon die Einreise setzt den Ton der Reise. QR-Code scannen, wenige Minuten später stehen wir draußen. Gleichzeitig wirkt Peking heute komplett anders als noch vor einigen Jahren: deutlich sauberer, digitaler, organisierter.
Nach einem ersten Kulturtag, der für uns mit einer kleinen Masterclass zum alten und neuen China beginnt, wird schnell klar: In China bedeutet „groß“ oft einfach noch größer — und „langfristig“ meist noch langfristiger gedacht. Natürlich besuchen wir die Chinesische Mauer bei Mutianyu, laufen durch die alten Hutongs rund um den Kaiserpalast, spazieren über den Tiananmen-Platz und bekommen so ein Gefühl dafür, wie stark Geschichte, Macht und Identität hier bis heute miteinander verwoben sind.

Auch kulinarisch werden einige Klischees schnell widerlegt. Chinesisches Essen schmeckt vor Ort deutlich besser als sein Ruf in Europa. Besonders im berühmten Hotpot-Restaurant Haidilao verschwimmen Tradition und Technologie auf fast absurde Weise: Während am Tisch getanzt, Karaoke gesungen und Nudeln performativ zubereitet werden, übernehmen an anderer Stelle bereits Roboter Teile des Services.

Unser erster Unternehmensbesuch führt uns zu Kuaishou — einem der größten Tech-Unternehmen Chinas und direkten Wettbewerber von TikTok. Über 30.000 Mitarbeiter arbeiten dort an Themen wie Social Commerce, Livestreaming und AI-generierter Content-Produktion.
Bemerkenswert: Kuaishou entwickelt mit Kling AI mittlerweile eines der spannendsten chinesischen GenAI-Modelle für Videoerzeugung. Dort wird bereits offen darüber gesprochen, wie KI künftig Livestreaming automatisieren könnte — inklusive virtueller Hosts und AI-generierter Verkaufsstreams.
Was in Europa oft noch wie Zukunftsmusik klingt, wird hier bereits operativ gedacht.
Der eigentliche Unterschied liegt aber tiefer: In China sind Content, Commerce und Payment längst zu einem einzigen Ökosystem verschmolzen. Creator verkaufen direkt aus dem Stream heraus. Unterhaltung, Vertrieb und Conversion passieren gleichzeitig.
Während westliche Plattformen diese Welten oft noch voneinander trennen, wirkt das chinesische Modell deutlich integrierter.

Beziehungen als Infrastruktur
Am Nachmittag folgt ein offizieller Empfang bei der chinesischen Freundschaftsgesellschaft — in einem historischen Gebäude eines ehemaligen Generals mitten in Peking.
Und genau dort wird wieder etwas deutlich, das viele westliche Unternehmen in China unterschätzen:
Technologie allein reicht nicht. Beziehungen bleiben zentral.
Guanxi ist kein Networking-Begriff. Es beschreibt Vertrauen, langfristige Beziehungen und persönliche Verbindungen. In vielen Gesprächen wurde klar: Wer in China nachhaltig arbeiten möchte, braucht Geduld, kulturelles Verständnis und echte Präsenz vor Ort.

Zhongguancun: Das chinesische Startup-Modell
Später besuchen wir den Zhongguancun Internet Park — einen Teil des oft als chinesisches Silicon Valley bezeichneten Innovationsökosystems in Peking.
Die Geschichte dieses Standorts erzählt viel über Chinas Innovationsmodell. Bereits in den 1980er-Jahren siedelten sich rund um die Elite-Universitäten Tsinghua und Peking University erste Technologieunternehmen an. Aus kleinen Elektronikmärkten und Forschungsclustern entstand über Jahrzehnte eines der wichtigsten Innovationszentren Chinas — heute Heimat von Konzernen wie Lenovo, Baidu oder zahlreichen KI- und Robotik-Startups.
Vor Ort bekommen wir Einblicke in das lokale Startup-Ökosystem, sehen Prototypen, Robotik-Projekte und AI-Anwendungen. Anders als im Westen fällt auf: Viele chinesische Startups denken extrem schnell in Skalierung und Industrialisierung.

Und noch etwas wird deutlich:
China organisiert Innovation häufig in hochspezialisierten Mikro-Ökosystemen. Mal für Robotik, mal für E-Autos, mal für Produktion oder KI. Je dichter Unternehmen, Talente, Zulieferer und Forschung physisch zusammenrücken, desto schneller entsteht Innovation.
Weniger Pitch-Decks.
Mehr Umsetzung.
Diese Geschwindigkeit begegnet uns während der gesamten Reise immer wieder.
JD Mall: Wenn Retail zum Datenlabor wird
Ein besonders gutes Beispiel dafür ist unser Besuch der JD Mall in Peking. 50.000 Quadratmeter Verkaufsfläche — kombiniert mit Echtzeit-Datenauswertung aus dem Onlinehandel von JD.com. Das Unternehmen testet hier ein vollständig „phygitales“ Retail-Modell.
Besucherströme werden analysiert, Produkttests ausgewertet, Online- und Offline-Daten zusammengeführt. Der stationäre Handel wird dadurch nicht ersetzt — sondern datengetrieben optimiert.
Gleichzeitig stehen dort bereits Shops von Robotikunternehmen wie Unitree, bei denen humanoide Roboter inzwischen für wenige tausend Euro verkauft werden.

Humanoide Robotik verlässt in China gerade das reine Forschungsstadium — und wird zunehmend zum Konsumprodukt.

Selbst scheinbar kleine Details zeigen, wie experimentierfreudig der Markt geworden ist: In der Mall testet JD aktuell Roboter, die künftig autonom Kaffee zubereiten und die Kaffeemaschinen direkt vorführen sollen, die anschließend online bestellt werden können.
Shenzhen: Das Betriebssystem der Hardware-Welt
Nach dem Flug nach Shenzhen verändert sich die Stimmung in der Gruppe sichtbar.
Shenzhen wirkt weniger wie eine klassische Stadt — sondern eher wie eine gigantische Testumgebung für neue Technologien. Zwischen Hochhäusern, Robotaxis, Drohnen und Elektroautos entsteht der Eindruck, dass Innovation hier nicht als Ausnahme gedacht wird, sondern als Normalzustand.
Besonders deutlich wird das beim ersten Ride mit Pony.ai.

Per App buchen wir ein autonom fahrendes Fahrzeug, das sich vollkommen selbstverständlich durch den Verkehr bewegt. Für viele aus der Gruppe einer dieser Momente, bei denen man merkt, wie weit bestimmte Technologien hier bereits im Alltag angekommen sind. Für viele Einheimische hingegen längst Normalität.
Und genau darin liegt vermutlich einer der größten Unterschiede:
China diskutiert neue Technologien oft nicht jahrelang theoretisch — sondern bringt sie schnell in reale Anwendung.
Robotik, Drohnen und der neue Mobilitätsmarkt
In Shenzhen und Guangzhou begegnen uns Robotik und Automatisierung praktisch überall.
Essenslieferungen per Meituan-Drohne gehören mittlerweile zum Stadtbild. In Einkaufszentren dominieren chinesische EV-Marken wie BYD, Zeekr, Li Auto, Xiaomi und viele mehr das Bild. Selbst Huawei verkauft inzwischen verschiedene Automarken, die vollständig auf dem eigenen Software-Ökosystem basieren.

Besonders auffällig:
Die Grenzen zwischen Tech-Unternehmen, Plattformen und Automobilherstellern verschwimmen zunehmend.
Viele der dynamischsten chinesischen Automarken kommen inzwischen nicht mehr aus klassischer Automobiltradition — sondern aus dem Smartphone-, Software- oder Plattformumfeld.
Noch auffälliger ist jedoch die Geschwindigkeit:
Modelle mit Reichweiten jenseits der 1.000 Kilometer werden inzwischen zu Preisen angeboten, die westliche Hersteller massiv unter Druck setzen dürften.
Parallel dazu erleben wir bei Unternehmen wie Padbot oder Ubtech, wie Robotik bereits produktiv eingesetzt wird — in Hotels, Fabriken, Logistikzentren oder öffentlichen Räumen.
Was im Westen häufig noch als Messe-Demo gezeigt wird, ist hier oft längst operativer Alltag.

EHang und die neue Realität der Luftmobilität
Besonders eindrucksvoll wird das Thema Zukunftsmobilität bei unserem Besuch bei EHang in Guangzhou.
Das Unternehmen arbeitet an autonomen Flugtaxis — und testet diese nicht nur, sondern betreibt in einigen Regionen bereits erste kommerzielle Anwendungen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Personentransport. Themen wie Feuerwehrdrohnen, autonome Rettungssysteme oder urbane Luftlogistik werden konkret entwickelt.
Passend dazu besuchen wir auch Phoenix Wings, die Drohnen-Tochter von SF Express — einem der größten Logistikunternehmen Chinas. Dort sehen wir, wie autonome Transportdrohnen bereits heute auf über 1.500 Routen rund um Shenzhen getestet und eingesetzt werden. Über eine Million Flüge wurden laut Unternehmen bereits durchgeführt.
Auffällig ist dabei vor allem:
Die Systeme wirken längst nicht mehr wie klassische Pilotprojekte — sondern zunehmend wie echte Infrastruktur für die Logistik der Zukunft. Spannend ist dabei weniger die einzelne Technologie als die Geschwindigkeit, mit der regulatorische Freiräume geschaffen werden, um solche Systeme real zu testen.

Die Knowledge City: Stadtentwicklung als Innovationsstrategie
Besonders deutlich wird Chinas Größenordnung schließlich in der China-Singapore Guangzhou Knowledge City.
Eine komplette Innovationsstadt für mehrere hunderttausend Menschen — innerhalb weniger Jahre aufgebaut.
Universitäten, Forschungszentren, Startups, Wohnraum und Industrie werden dort systematisch zusammen gedacht. Der Maßstab ist kaum mit europäischen Projekten vergleichbar.
Und gleichzeitig wird klar:
China denkt Innovation längst nicht mehr nur als Technologiefrage. Sondern als Kombination aus Infrastruktur, Kapital, Talentförderung und Geschwindigkeit.
iCarbonX: Die Digitalisierung des Menschen
Zum Abschluss der Reise wartet noch eine echte Überraschung auf uns. Bei unserem Besuch bei iCarbonX werden wir nicht von einem Sales-Team empfangen — sondern direkt vom Gründer selbst: Wang Jun.
Und schnell wird klar, warum dieses Unternehmen international so viel Aufmerksamkeit bekommen hat. iCarbonX gehört zu einer sehr kleinen Gruppe chinesischer Healthcare-Startups mit Unicorn-Bewertung — also Unternehmen, die bereits mit über einer Milliarde US-Dollar bewertet wurden.
Die Idee dahinter wirkt fast wie Science-Fiction:
Der menschliche Körper soll Schritt für Schritt vollständig digitalisiert werden. Über regelmäßige Blutanalysen, genetische Daten, Biomarker und KI-gestützte Auswertungssysteme entsteht langfristig eine Art digitaler Zwilling unserer Gesundheit.
Besonders bemerkenswert:
Laut Unternehmen sollen bestimmte Analysen perspektivisch bereits für rund 100 Euro möglich werden — inklusive umfangreicher Genom- und Gesundheitsauswertungen.
Natürlich stehen viele regulatorische, ethische und medizinische Fragen noch im Raum. Trotzdem wird deutlich, wie massiv China inzwischen auch im Bereich BioTech, Health AI und Longevity investiert.
Fast noch interessanter als die Technologie selbst ist allerdings Wang Jun als Persönlichkeit.
Der ehemalige Genomforscher spricht weniger wie ein klassischer Startup-Gründer — sondern eher wie jemand, der überzeugt ist, dass sich Medizin in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern wird. Prävention statt reiner Behandlung. Permanente Datenauswertung statt punktueller Diagnostik.
Ob sich alle Visionen am Ende genauso realisieren lassen, bleibt offen.
Aber eines wird bei diesem Besuch klar:
Der globale Longevity- und Health-AI-Markt dürfte in den kommenden Jahren massiv an Dynamik gewinnen — und China möchte dabei ganz vorne mitspielen.

Unser wichtigstes Learning
Die größte Erkenntnis dieser Reise war vielleicht gar keine einzelne Technologie.
Sondern das Zusammenspiel aus:
- Geschwindigkeit
- Pragmatismus
- Skalierung
- und gesellschaftlicher Offenheit gegenüber neuen Technologien.
China kopiert nicht mehr einfach westliche Ideen.
In vielen Bereichen entstehen mittlerweile eigene Modelle, eigene Plattformen und eigene Innovationslogiken.
Natürlich gibt es auch Herausforderungen:
Überkapazitäten, geopolitische Spannungen, Datenschutzfragen oder regulatorische Risiken bleiben real.
Aber ebenso real ist:
Die Innovationsgeschwindigkeit vieler chinesischer Unternehmen ist inzwischen enorm.
Und ehrlich gesagt gehört zu unseren wichtigsten Erkenntnissen auch etwas deutlich Bodenständigeres:
Die Vielfalt und Qualität der chinesischen Küchen hat wahrscheinlich alles übertroffen, was viele von uns bisher in Deutschland als „chinesisches Essen“ kannten. Von Sichuan Hotpot über Beijing Duck bis hin zu Yunnan-, Hunan- oder kantonesischer Küche wird schnell klar: China besteht nicht nur aus unterschiedlichen Innovationsökosystemen — sondern auch aus dutzenden kulinarischen Welten.
Auch dort gibt es also noch einiges zu lernen. 🙂
Unser Fazit
China ist heute nicht mehr nur „Werkbank der Welt“.
Das Land entwickelt sich immer stärker zu einem eigenständigen Technologie- und Innovationsökosystem — mit enormem Einfluss auf Mobilität, KI, Robotik, Plattformökonomie und digitale Infrastruktur.
Und vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis unserer Reise:
Man kann China nicht mehr aus der Distanz verstehen.
Man muss es erleben.
Wir werden definitiv wiederkommen.
von Sascha Kurfiss




